Die aus feinstem Künstlerhause stammende Schauspielerin Adele Spitzeder bringt in den Gründerjahren um 1870 Tausende von Münchnern zuerst um den Verstand und dann um ihr Geld: 10 Prozent Zinsen im Monat verspricht sie einem Zimmermann aus der Au für ein Darlehen von 100 Gulden. Das spricht sich herum. Die mittellose, nur mit einer Kaffeemaschine nach München gekommene Spitzeder kann sich bald vor Kunden nicht mehr retten. Sie bezieht großzügige Räume in der Schönfeldstraße 9. Ganze Heerscharen spekulations trunkener Bürger belagern alsbald das Gebäude. ,,Der eine hat seine Guldenstückl im Rucksack, der andere die Dukaten in der Schnupftabakdose, der Dritte in der Hosentasche, ein Vierter zieht Staatspapiere aus dem Stiefelschaft und eine alte Stallmagd hat ihre Ersparnisse in einen Topf getan und mit Schmalz übergossen, um sie vor Diebstahl zu schützen. Viele kommen aus dem nördlichen Umland. Deshalb wird das Spitzeder-Unternehmen auch als ,,Dachauer Bank” populär. Das Vertrauen der Menschen wächst. Zumal sich die Spitzeder mit einer Reihe von spendablen Gesten sowie ihrer Volksküche im Orlandohaus am Platzl den Ruf einer Wohltäterin verschafft. Für viele Münchner ist sie fast eine Heilige. Weniger für die Münchner Sparkasse. Sie zählt zu den Leidtragenden der Dachauer Bank. Denn viele ihrer Sparkunden gehen der Spitzeder auf den Leim und leeren ihre Sparbücher. Zwei Jahre währt der Spuk. Am 12. November 1872 geleiten Gendarmen die Dame hinter schwedische Gardinen. Ein Kassensturz ist fällig: Sage und schreibe 8 Millionen Gulden haben sich in Luft aufgelöst, über 31.000 Bürger sind auf die Spitzeder hereingefallen. Einige Geprellte greifen prompt zur Pistole oder zum Strick. ,,Dummheit genießt keinen Rechtsschutz”, resümiert der Verteidiger von Adele Spitzeder vor Gericht. Der Richter sieht das wohl ähnlich. Über drei Jahre Haft kann die Dame wirklich nicht meckern.