Soeur Sourire  
  Die Story von der Singing Nun

 

 

 

Kürzlich, im bretonischen Lesneven stach mir ein Filmplakat vor dem Kino ins Auge. Abgebildet eine Nonne. Und ein Name der prompt eine Rückblende in meine Jugendzeit auslöste – Soeur  Sourire! Die lächelnde Schwester hatte es mir damals Mitte der sechziger Jahre schwer angetan. Nein, eigentlich weniger die Schwester als ihr Lied....... Dominique, - nique, nique. Ein Ohrwurm, der mich nicht mehr los ließ. Auch wenn das Lied in einer Sprache aus dem Radio kam, die ich nicht verstand. Ich hörte nicht auf, das Lied zu summen. Und die Silben einfach zu imitieren. Selbst im Schulunterricht konnte ich nicht von der eingängigen Dominique lassen. Was meinem Lehrer nicht verborgen blieb. „Du; Manfred, das hört sich ja gut an, komm doch mal nach vorne und singe das Lied der Klasse vor“. So, das hatte ich nun davon. Vor Scham wäre ich beinahe in den Boden versunken…… 

Doch zurück ins Heute. Ehrensache, dass ich mir Tags darauf den Film ansah und mich mit der Geschichte des Songs näher befasste. Diese ist weit weniger fröhlich als das heitere Lied selbst. Die Autorin und Sängerin Soeur Sourire heißt mit bürgerlichem Namen Jeanne-Paul Marie Deckers. Geboren wird sie 1933 in Belgien. Von Klein auf lagen ihre Talente in der Musik und der Kunst. Jeanne-Pauls Familie floh vor den deutschen Truppen nach Frankreich und wurde auch dort vom Krieg eingeholt. Nach Kriegsende kehrten die Deckers nach Belgien zurück und Jeanne-Paul schließt die Schule ab. Dann besucht sie eine Kunstschule in Paris, und arbeitet ab 1953 als Kunstlehrerin an einer Brüsseler Mädchenschule. Die Beziehung zu ihrem Freund geht in die Brüche.

1959 kehrt Jeanne Paul dem weltlichen Leben den Rücken und zieht sich in ein Dominikanerkloster bei Waterloo zurück. Hier lebte sie als Schwester Luc Gabrielle und engagiert sich in der Jugendarbeit. Sie singt auch mit ihren Schützlingen und begleitet sie auf der Gitarre. Doch damit nicht genug. Im Rahmen ihrer Klosterarbeit komponiert Luc Gabrielle eigene Melodien. Die Texte ihrer Lieder drehen sich um religiöse Themen und Figuren. So schildert ihr Welthit "Dominique" das Leben des Heiligen Dominik, der im 13. Jahrhundert den Dominikanerorden gegründet hat.  

Dominique - das Lied entsteht hinter Klostermauern, geht auf wie eine Rose. Es wird Weltruhm erlangen. So schön der Refrain, so unschuldig und fromm der Text, erwärmt das Lied die Herzen der Menschen rund um den Erdball. Tja, meines auch. Wie gesagt. Es wird 1963 die Spitze der amerikanischen Hitparade erklimmen. Es wird Jeanne-Paul im Nonnengewand auf die Titelseiten der großen Illustrierten bringen. Eine Nonne überrundet die Beatles. Das ist einmalig. Das ist der Stoff, nach dem die Medien lechzen. Eigentlich sollte das Lied nur Geld für Kirchenarbeit bringen. Zu diesem Zweck spielte Jeanne-Paul ihr "Dominique" in einem Studio ein. Die Single erweckte das Interesse der großen Plattenfirma Philips, und schließlich nahmen sie die Nonne unter Vertrag. Die Konditionen des Plattenvertrags sind jedoch nur für die Plattenfirma günstig. Die geringen Tantiemen fallen zudem größten Teil an die Kirche. Soeur Sourire alias Jeanne-Paul sieht kaum etwas davon. Auch wenn sich Zeitschriften und Fernsehsender sich  um die Nonne mit der Gitarre reißen. 1966 tritt Soeur Sourire aus ihrem Kloster aus, weil ihr der Orden die Erlaubnis für einen neuen Plattenvertrag verweigert. Prompt  muss sie noch vor ihrem Austritt auf ihren Künstlernamen Soeur Sourire verzichten. Unter ihrem neuen Künstlernamen Luc Dominique bleibt ihr der Erfolg jedoch verwehrt. Mehr noch – ihre immer radikaleren gesellschaftskritischen Lieder lösen Entrüstung aus. So auf einer Tournee in Kanada, wo ihr Lied über die Antibabypille den Klerus erzürnt.

Zudem lebte sie in einer lesbischen Beziehung. Ihre finanzielle Lage erweist sich Mitte der Siebzigerjahre als hoffnungslos. Die belgischen Finanzbehörden sind ihr plötzlich auf den Fersen. Sie soll enorme Einkünfte versteuern, die sie nie erhalten hat. Obwohl die Tantiemen der Nonne fast alle an die Kirche gefallen waren, soll die ehemalige Nonne die Schulden begleichen. Jeanne-Paul klagt nicht und holte sich keine Hilfe bei Freunden oder Fans. Der Versuch eines Comebacks scheitert. Jeanne-Paul lässt sich dazu herab, eine Discoversion von Dominique zum Besten zu geben (siehe Video auf Youtube). Letztlich sieht sie keinen Ausweg mehr 1985 begeht sie mit ihrer Lebensgefährtin Annie Pecher Selbstmord.

Unvergessen bleibt ein einfaches wunderschönes Lied, unvergessen bleibt der erstaunlichste Plattenerfolg aller Zeiten. Dominique bleibt die einzige belgische Plattenproduktion, die jemals an die Spitze der Hitparade gelangen konnte. Ein würdiges Andenken bereitet auch der jüngst in Belgien an den Start gegangene Kinofilm Soeur Sourire. Das liegt nicht zuletzt an der grandiosen Leistung der Schauspielerin Cécile de France.