Der Payola Skandal 1959

by Manfred Szarka

 

Payola ist nicht etwa der Name einer brasilianischen Kaffeebohne. Payola bezeichnet vielmehr einen der größten Skandale in der Geschichte der Pop- und Rockmusik.

Blenden wir zurück in das Jahr 1959. Noch immer begeistern sich die Teenager für die wenige Jahre zuvor ins Scheinwerferlicht getretenen Rockn´ Roll Stars wie Elvis Presley oder Chuck Berry. Gleichwohl ist 1959 kein gutes Jahr für den Rockn Roll. Im Februar stürzen Buddy Holly, der Big Bopper und Ritchie Valens mit dem Flugzeug ab. Und auch abgesehen davon hat der Rockn´ Roll ein zunehmend schlechtes Image beim Establishment und bei der Presse. Auch zahlreiche Radiostationen machen mächtig Stimmung gegen die jugendverderbenden schwarzen Rockn´ Roll Scheiben. Mit spektakulären Aktionen drücken sie ihren Abscheu aus. Ein Radiosender aus Erie in Pennsylvania lässt beispielsweise 7000 Rockn´ Roll Platten auf einen eigens ausgeliehenen Leichenwagen packen. Im Rahmen einer makabren Begräbnisprozession wird die Ladung zum Hafen geleitet und dort in den Fluss versenkt.

Dies sind jedoch alles Peanuts gegen den Skandal, der Ende 1959 die Musikbranche und speziell die Teenager- und Rockn´ Roll Musik erschüttert. Zunächst geht es gar nicht um die Musik sondern um eine Schummelei bei einem TV-Quiz. Ein Universitätsprofessor namens Charles Lincoln Van Doren hat bei der NBC Show Twenty One 129000 $ gewonnen, aber vorher die richtigen Antworten gewusst. Schon Anfang des Jahres hatte der amerikanische Kongess Anhörungen zu Payola (pay for play) angeordnet. Es sollte untersucht werden, inwieweit Gangsterbanden Einfluss auf die Aufnahme von Schallplatten in Musikboxen nahmen. Von Sängern, die sie kontrollierten. Hierbei rückte der Sänger Tommy Leonetti in den Mittelpunkt. Prompt wurde der Sänger aus einer TV Show von Dick Clark ausgeladen. Die Plattenbranche gerät jedenfalls mächtig in Aufruhr. Plötzlich sind Besuche von Plattenverlags-Promotern bei den Radiostationen gar nicht mehr erwünscht. Die Stationen selbst lassen ihren Diskjokeys Ehrenerklärungen unterschreiben, wonach keine Geschenke für das Abspielen von bestimmten Platten angenommen werden. Eine regelrechte Hexenjagd setzt ein als bekannt wird, dass die staatlichen Behörden der Diskjokey-Payola kräftig auf den Zahn fühlen wollen. Einige Radioleute bekommen schon vor den Untersuchungen kalte Füße. So Phil Lind von der Radiostation WAIT in Chicago. Er gibt zu, 22000$ genommen zu haben um eine Platte zu spielen.

In den Mittelpunkt des Payola-Skandals rücken letztlich zwei Personen, die, wie niemand sonst, zur Popularität des Rockn´ Roll und der Teenagermusik beigetragen haben: Alan Freed und Dick Clark. Alan Freed, auch gerne als Erfinder des Rockn Roll bezeichnet (fälschlicherweise), hat sich schon viele Jahre zuvor als Promotor großer Musikshows einen Namen gemacht und sich nie gescheut, vor allem farbige Rythm´ & Blues Gruppen ins Rampeniicht zu stellen. Eine stolze Leistung angesichts der sehr stark ausgeprägten Rassendiskriminierung in den Fünfziger Jahren. Freed weigert sich aus Prinzip eine Erklärung zu unterschreiben, niemals Geldgeschenke für das Abspielen von Platten erhalten zu haben.. Das zieht für ihn fatale Konsequenzen nach sich. Er wird vom Sender WABC entlassen. Während Liitle Tony and The Imperials mit ihrem Hit Shimmy Shimmy Ko-Ko-Bop über den Äther gehen, verkündet Freed seinen Zuhörern schluchzend seinen Rücktritt. Wenige Tage später muss er auch die Moderation seiner TV-Show abgeben. Erdrückt von Steuerschulden und erniedrigt durch Gerichtsurteile stirbt Alan Freed im Jahre 1965 als gebrochener Mann.

Relativ ungeschoren übersteht der langjährige Moderator des American Bandstand Dick Clark die Payola Affäre. Obwohl Clark wahrscheinlich eine ungleich größere Rolle bei Payola gespielt hat als Alan Freed. Clark kann bei den Kongresshearings jedoch glaubhaft darlegen, niemals Musik für Geld gespielt zu haben. Eklatant sind jedoch sind jedoch die Interessenkonflikte, denen er ausgesetzt war. Clark besaß zahlreiche Beteiligungen an Plattenfirmen und profitierte natürlich indirekt, wenn Platten seiner Firmen oft über den Sender gingen.. So zeigt sich bei den Anhörungen, dass er als Verleger die Rechte an sechzig Songs hatte. Bei der Anhörung wird der Song Sixteen Candles von den Crests als Beispiel zitiert. Erst als Clark Rechte an dem Song erworben hatte, fand er häufig Platz in seinen TV-Shows.

Immerhin, am Beispiel dieses Songs kann man zumindest nicht behaupten, Payola wäre unbedingt zur Lasten der Qualität gegangen.

Payola war Ende der Fünfziger Jahre natürlich für all diejenigen ein gefundenes Fressen, die die Rockn´ Roll Musik ohnehin verteufelten. Dementsprechend identifizierte man Payola sehr stark mit der Rockn´ Roll Musik. Rückblickend betrachtet ist dies absoluter Unsinn.

Payola lässt sich bis in die Zeit der Big Bands und der Vaudeville Theater zurückverfolgen, also bis in die  20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dass Payola erst Ende der 50er Jahre zu einem regelrechten Erdbeben führte,  hat wahrscheinlich mehrere Gründe. Zum einen die schon beschriebene Aversion des Establishments gegen das Teufelszeug namens Rockn´ Roll.

Hinzu kam das nach dem Krieg einsetzende Wirtschaftswunder, aus dem eine neue kaufkräftige Teenagergeneration hervorging. Und letztlich der Siegeszug der preisgünstigen 45-er Single. Die Radiostationen wurden von den kleinen schwarzen Scheiben regelrecht überschwemmt. Kein Wunder, dass für die Verlage vor allem eine Frage vorrangig war: Wie schaffen wir es, für unser Plattenprodukt die größtmögliche Resonanz zu erzielen. Der Weg dazu konnte nur über die Radiostationen führen. Und über Payola ....


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