O sole mio

 

 

 Man stelle sich vor: Es wäre Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft. Natürlich mit Deutschland. Die Mannschaften stellen sich in Reih und Glied am Anstoßpunkt auf und harren auf das Abspielen der Nationalhymne. Doch anstatt des Deutschlandliedes nach einer Melodie von Joseph Haydn gibt das Stadionorchester „Hoch Auf Dem Gelben Wagen“ Zum Besten“. Undenkbar? Na im Jahr 1920  ist das so ähnlich passiert. Anlässlich der Olympischen Spiele in Antwerpen. Dem Dirigenten fehlten plötzlich die Noten zur Italienischen Nationalhymne. Ein kurzes Zögern. Dann stimmte er eine Melodie an, die seine Musiker auswendig konnten: „O sole mio“. Das Lied war in der Interpretation von Enrico Caruso gerade zum Weltschlager geworden.  

Zur Geschichte dieses berühmten Liedes ist gerade ein Buch im Berliner Wagenbach Verlag erschienen. Sicher lesenswert. Denn, ähnlich wie bei den von mir schon zitierten La Paloma und Lili Marleen ranken sich zahlreiche Geschichten um das Lied. Und ähnlich lang ist die Liste der Interpreten. Die kommerziell erfolgreichste Version dürfte wohl von Elvis stammen. Mit sagenhafter Belcanto Stimme ebnete er dem alten neapolitanischen Canzone den Weg ins Pop-Zeitalter. Das war 1960. Nichts, aber auch gar nichts konnte den Song aufhalten. Platz 1 nicht nur in den US-Charts. Da blieb kein Auge trocken. Verständlich, dass auch Juri Gagarin, sicher in erhebender Stimmung, den Song anstimmte. Im Weltraum.

O sole mio wird dieses Jahr 110 Jahre alt. 1898 hat ihn der Komponist Eduardo Di Capua während eines Tourneeaufenthaltes in Noten gesetzt. Gehabt haben er sowie der Texter Giovanni Capurro wenig von diesem formidablen Songwriting. Die beiden wurden schlicht um ihren verdienten Lohn betrogen.