Die Heidi Schüller Story



 

0lympische Rückblende auf den 26. August 1972. Die Weltstadt mit Herz steht ganz im Zeichen der fünf magischen Ringe. Eine halbe Milliarde Augenpaare rund um den Erdball blicken auf eine selten gesehene Farbenpracht, die prächtig herausgeputzte Delegationen aus 121 Staaten und 70000 heiter gestimmte Zuschauer auf den Rängen ins Münchner Olympiastadion zaubern. Plötzlich wird es still im weiten Rund. Alle Augen richten sich auf eine hübsche, dunkelhaarige Olympionikin im gelben Trikot. Feierlich streckt sie drei Finger in den stahlblauen Himmel und beschwört mit samtweicher Stimme, stellvertretend für alle Teilnehmer, den olympischen Geist. Ihr Name: Heidi Schüller.

Dreiundzwanzig Jahre später, wir schreiben den 23. Mai 1995, streichelt die samtweiche Stimme von Heidi Schüller wieder die Trommelfelle ihrer Zuhörer. Schauplatz ist, wie damals, München. Nur das Olympiastadion hat sich in den Festsaal des Bayerischen Hofs verwandelt, in dem 470 Sparkassen-Azubis aus ganz Oberbayern anlässlich der Freisprechungsfeier erwartungsvoll auf ihren Stühlen harren. In meiner damaligen Funktion ist es mir gelungen, diesen offiziellen Ritterschlag zum Sparkassenkaufmann mit einem Stargast zu würzen. Zu der Würze gesellt sich dann noch eine gute Portion Charme. Heidi Schüllers Gastspiel ist für uns Organisatoren ein seltener Glücksfall von Aktualität, verursacht doch ihr erst vor wenigen Wochen erschienenes Buch “Die Alterslüge” beträchtliche Beben im bundesdeutschen Medienwald. Für Brisanz war also gesorgt. Hatte mich bei der Idee, die Schüller vom Rhein an die Isar zu holen, zu sehr die Erinnerung an 1972 inspiriert? Damals erklomm die Spitzenathletin zwar nicht das olympische Siegertreppchen (das hatte Heide Rosendahl besetzt), keine andere Sportlerin schwebte jedoch so graziös über die Hürden und verzierte die öde Sandwüste des Weitsprungkastens mit so viel Erotik.

Nur mit profanen Äußerlichkeiten wird man der Schüller aber sicher nicht gerecht. Das wird mir spätestens bei unserem “tea for 2” eine Stunde vor ihrem Sparkassenauftritt glasklar bewusst. Der Sport, so sagt sie mir sinngemäß, sei nur noch eine verflossene Jugendliebe. Geblieben sei allerdings der Drang, Missstände offen anzuprangern. Diese weniger charmante Eigenart bekommen schon 1972 die Sportfunktionäre bis hin zu Willi Daume zu spüren. Immerhin werden Doping-Diskussionen von den Offiziellen seinerzeit noch gewissenhaft unterm Deckel gehalten. Missstände en masse lernt Heidi Schüller dann im Laufe ihrer Medizinerkarriere kennen. Ursprüngliche Ideale verzehren sich im Alltag des deutschen Gesundheitsapparates im allgemeinen und der Berufsauffassung vieler Ärztekollegen im speziellen.

1985 hängt sie ihre Oberärztin an den Nagel und feilt an ihrer journalistischen Karriere. Mit Sprache und Feder agiert sie ähnlich geschickt wie mit Skalpell und Narkose. Talkshows, wie 111 nach 9, Club 2 im ORF und Talk im Turm in SAT 1 profitieren von ihrer kritischen Moderatorenrolle. In den neunziger Jahren greift das Multitalent Schüller verstärkt zur Feder. Und die ist spitz. In ihrem 1993 erscheinenden Bestseller “Die Gesundmacher” rechnet die Insiderin schonungslos ab mit den Halbgöttern in Weiß. Ihre Kritik richtet sich vor allem auf den blinden Fortschrittsglauben in. der Medizin. High-Tech und Spezialistentum verbaue den Blick auf auf eine ganzheitliche Betrachtung, auf die Würde, das wirkliche Interesse des Patienten und Menschen. Dabei plädiert sie auch gegen eine Lebensverlängerung um jeden Preis. Den Mythos Arzt entzaubert sie gründlich, indem sie den immer ausgefeilteren Diagnosetechniken die im großen und ganzen auch heute noch begrenzten Heilungsmöglichkeiten gegenüberstellt. “Da hat sich in den letzten 100 Jahren eigentlich wenig geändert. Die gestiegene Lebenserwartung ist auf wenige medizinische Errungenschaften, wie Antibiotika, und die verbesserte Hygiene sowie die gesunkene Säuglingssterblichkeit zurückzuführen”, so die Schüller. Und sie fährt fort: “Ich wünsche mir eine Medizin, die endlich wieder Menschen behandelt und nicht Diagnosen”.

Auch die Gesundheitskonsumenten bekommen ihr Fett weg. Schüller: “Die Gesundheit beginnt im Kopf, Die Menschen hierzulande sollten den Gesundheitsbegriff vielleicht wieder bescheidener formulieren und dabei erst nach reiflicher Überlegung zur Medikamentenschachtel greifen. Nicht jede normale Alterserscheinung dürfe man gleich zur Krankheit hochstilisieren, die mit einem medizinischen Arsenal bekämpft werden müsse”. Auch den Medien weist Heidi Schüller eine gehörige Portion Schuld am ausufernden Gesundheitswesen zu. Viele Sensationsberichte über neue Heilmethoden hätten vor allem handfeste wirtschaftliche Hintergründend würden sich meistens als Seifenblasen entpuppen.

Zur Presse hat Heidi Schüller überhaupt eine besondere Meinung: “Was früher die Streckfolter war, ist heute die Presse”! (prompt läuft es mir, angesichts meiner Rolle als Gelegenheitsjournalist, eiskalt den Rücken herunter). In ihrem aktuellen Buch weitet Heidi Schüller ihre Diagnose auf den gesamten Sozialstaat aus. Dieser würde, kräftig gefördert von der Politik und der Industrie, zu einem Selbstbedienungsladen ohne Beispiel mutieren und den kommenden Generationen eine Fülle ungedeckter Wechsel hinterlassen. Im Brennpunkt ihrer Kritik steht der 1957 geschlossene Generationenvertrag, wonach die Erwerbstätigen mit ihren Beiträgen die Renten finanzieren sollen. “Dieser Vertrag geht vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung schon lange nicht mehr auf’, so Schüller.

 Leidtragende wären nach ihren Worten die heute schaffenden “Jungen”, während die immer größere “Macht der Alten” grundlegende Weichenstellungen bald unmöglich machen dürfte. Ihre Anregung, doch vielleicht über eine Alterslimitierung nach oben bei den Wahlstimmen nachzudenken, sorgt (wen wundert das) für beträchtliche Aufregung und hievt (welch willkommener Nebeneffekt) ihr Buch in die Bestsellerliste. Konfrontiert mit Vorwürfen, sie stelle die Senioren an den Pranger, zieht sich ihre hohe Stirn wie eine Ziehharmonika zusammen und es bilden sich Furchen, ungefähr so steil wie die Eiger Nordwand: “Das sagen die, die nicht mal das Buch gelesen haben!” Tatsächlich durchziehen das Buch auch sehr humane Züge. Geholfen werden muss, noch wesentlich mehr als bisher, den wirklich bedürftigen und kranken alten Menschen und Kindern. Dass sich aber der fitte Frührentner mit 55 oder 57 nach Mallorca verabschiedet und seinen Dienst für die Gesellschaft gänzlich quittiert, vermag sie nicht einzusehen. Schüller’sche Quintessenz: “Wir müssen im Interesse der kommenden Generationen den Solidarbegriff neu definieren und kommen letztlich um eine generelle Verknappung sozialer Leistungen nicht herum”.

Summa summarum verraucht Heidi Schüller schon eine Menge starken Tobak mit ihren Thesen. Ist ihre Provokation Methode? Geht es ihr womöglich nur um Auflage und Publizität? Nach unserem Gespräch hab ich so meine Zweifel. Die Frau denkt wirklich, was sie sagt und schreibt und verteidigt ihre Meinung bis zum letzten Blutstropfen. Und verkäuflich ist sie schon gar nicht, “Dem Scharping”, so vertraut sie mir an, “hab ich damals klipp und klar gesagt: Ich mach’s, aber nur wenn ich nicht in die Partei eintrete und wenn ich auch künftig den Mund aufmache, wenn es mir passt” (Heidi Schüller war im Schattenkabinett des SPD-Chefs Scharping für das Gesundheitsressort vorgesehen). Einmal verzichtet sie sogar bewusst auf große Publizität. Das war 1988, als eine Erdbebenkatastrophe das sowjetische Eriwan dem Erdboden gleichmacht. Spontan stellt sie ihr medizinisches Können bereit. Vor Ort erlebt sie dann eine Art Trauma. Das grandiose Engagement der deutschen Bevölkerung steht in keinem Verhältnis zur Katastrophenhilfe des DRK, das nach den Erfahrungen Schüllers total am Bedarf vorbei operiert, aber für die deutschen Medien eine beeindruckende Hilfsshow inszeniert. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland will die Presse sie als Heldin der Nation auf die Mattscheibe bannen. Daraus wird nichts. An der Wahrheit - und nur für die ist die Schüller zu haben - besteht kein Interesse. Lange Zeit machen sie diese Ereignisse sprachlos. Auf unserer Freisprechungsfeier ist davon allerdings nichts mehr zu spüren.

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