Der Dichter Roda Roda berichtet von einer rätselhaften Erscheinung des Münchner Klimas, wenn sich pünktlich zu Sylvester ein Scirocco von den Alpen stürzt, der am Dreikönigstag zum Wirbelsturm anschwillt und die Stadt in Drehbewegungen versetzt. Dann - so Roda Roda -ist München nicht mehr Zentrum, nicht mehr ultramontan - dann herrscht Dionysos und Tumanbanga, der Fidschigott der Ehebrecher. Es scheint sehr zweifelhaft, ob in der heutigen Zeit das närrische Treiben in den Tagen und Wochen vor Aschermittwoch Roda Roda noch zu solch dichterischen Höhenflügen inspirieren würde.

 Irn 19. Jahrhundert sind die Münchner Kostümfeste jedenfalls großartige Inszenierungen. Den schönen Künsten aufgeschlossene Monarchen, wie Ludwig I., sowie Schöngeister rund um den Malerfürsten Franz von Lenbach geben die nötigen Impulse. So werden längst vergangene Zeiten orginalgetreu zu neuem Leben erweckt. In späteren Jahrzehnten versinken auch untere Bevölkerungsschichten in einen einzigen Faschingstaumel. Manche Dienstbotin spart monatelang ihren Lohn zusammen, um vier Wochen vor dem Karneval ihre Stelle zu kündigen, nur um keinen Ball, keine Redoute, keinen Bal pare’ versäumen zu müssen.

Für die Schwabinger Boheme ist der Fasching mitunter eine todernste Angelegeheit. Alfred Schuler, ein Mitglied der Künstlergemeinschaft “Kosmiker,” wird in Cäsarentracht von seinen Freunden zu Grabe getragen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt der Münchner Fasching noch einmal eine späte Blüte. Das Regina Hotel und das Haus der Kunst avancieren zu Hochburgen des närrischen Treibens. “Über der Stadt lag” - wie es Martin Schäfer von der Abendzeitung beschreibt - “ein Hauch von Sodom und Gomorrha. Und es roch überall nach Chanel Nummer fünf und Gebot Nummer sechs.”

Ein Höhepunkt des Münchner Faschings in den 60er und 70er Jahren sind auch die Bälle der Münchner Sparkasse im Bayerischen Hof oder im Deutschen Theater. Für die Werbedekorateure des Instituts, darunter durchaus ernstzunehmende Künstler, sind diese natürlich eine besondere Herausforderung. Immerhin werden alljährliche Maskenpreise vergeben. So kommt es, dass sich an einem frostigen Freitag, im Februar 1976, eine Gruppe schaurig anzusehender Vampire auf den Weg von der Sparkassenhauptstelle zum Bayerischen Hof macht - einen pechschwarzen Sarg auf den Schultern und lange krumme Eckzähne im Gesicht. Die unheimlichen Gesellen feiern erwartungsgemäß einen kolossalen Triumph. Weniger kolossal ist das Nachspiel. Der Maskenbildner vom Gärtnerplatzheater meinte es wohl zu gut mit den Bankern. Denn die Vampirzähne sitzen wirklich bombenfest und lassen sich einfach nicht mehr entfernen. So nächtigt die Ehefrau des Werbechefs mit ihrer Seite. Eine andere Sparkassenkollegin sucht tags darauf eine Zahnklinik auf. Ein Dekorateur hat zwar mit der Zange schließlich Erfolg, besitzt dafür jedoch eine Zahnkrone weniger. Die geläuterten Sparkassenangestellten ziehen eine Lehre fürs Leben aus dieser G’schicht: “Einmal Vampir nie mehr Vampir!”

 

zur Ho