Der alte Mann und das Mehr (an Erfahrung)

Ein Donnerstag Abend, etwa Mitte der Neunziger Jahre. Der Saal im Münchner Akademiker-Zentrum in der Lämmerstraße ist brechend voll. Langsam verstummt das Stimmengewirr; andächtige Stille verbreitet sich im Raum. Ein unscheinbarer bebrillter Herr im schlichten mausgrauen Anzug, etwa 1,58 gross, bewaffnet mit einer überdimensionalen Fliege am Hals und einem Bündel von Presseartikeln unterm Arm erklimmt erstaunlich behende das Rednerpodest und bringt das Mikrophon routiniert auf die optimale, eine Etage tiefer liegende Sprechposition. Der “Meister” ist da: Andre’ Kostolany, 86 Jahre jung, gebürtiger Ungar mit Wohnort in Paris, Schriftsteller mit Millionenauflage, Kolumnist und vor allen Dingen Börsenprofi, der wohl erfahrenste auf unserem Planeten. Kurz streift sein Blick über die dichtbesetzten Reihen seiner “Jünger”, während ein verschmitztes Lächeln seine breit aufgeworfenen Lippen verzieht. Dann entlädt sich 150 Minuten lang ein Feuerwerk an Witz, Geist und 70 Jahren Börsenerfahrung auf die “staunenden” Zuhörer. Vor genau 72 Jahren, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schnuppert der aus Budapest geflüchtete Kostolany erstmals Börsenluft in Wien, der damaligen Drehscheibe des europäischen Wertpapier- und Devisenhandels. Obwohl mit keinem Wirtschaftsstudium oder dergleichen vorbelastet, macht er sich schnell mit den Mysterien der Börse vertraut, eignet sich das dafür notwendige Handwerkszeug an und zahlt natürlich auch Lehrgeld. Immerhin: Im Alter von 35 versetzen ihn seine unterm Strich erfolgreichen Transaktionen in die Lage, vorzeitig in Rente zu gehen. In der Folge gibt er seine praktischen Erfahrungen an andere weiter und wird Stammgast in den grossen und kleinen Börsensälen der Welt, von der New York Stock Exchange bis zur Venediger Börse, in der sich vielleicht gerade mal 3 bis 4 Teilnehmer die Klinke in die Hand geben. Die Börsenspekulation ist bis heute seine große Leidenschaft geblieben. Neben der Musik, wie er ausdrücklich betont. Allein an der Wall-Street hat er aktuell 500 Werte “laufen”. Was kann den Börsengourmet im Spiel mit Aktien und Optionen eigentlich noch motivieren? Geld ist es natürlich nicht, sagt er. Längst habe er ausgesorgt und überhaupt das Alter! Nein, es sei die Befriedigung, Recht zu behalten, die richtige Diagnose zu stellen, also Trends zu erahnen und zwar gegen die Meinung der renommierten Herren Volkswirte und Bankdirektoren. So 1987 beim Crash. Stolz reckt Kosto seine kurz vor dem Börsendesaster im Capital erschienene Kolumne in die Höhe, in der er den Rückschlag an der New Yorker Börse ankündigte, wenngleich auch ihn das Ausmaß überrascht habe. Welche konkreten Aktientips hat Kosto für die gierig an seinen Lippen hängende Fangemeinde nun auf Lager? Doch weit gefehlt. Mit einem Tip hat er anno 1947 schon mal gute Freunde verprellt. Seitdem: Rienne va plus! Dagegen wird er nicht müde, das Gleichnis von den “Zittrigen” und den “Hartgesottenen” an der Börse zu zitieren. Die vier G’s sind es, die den Hartgesottenen und letztlich Erfolgreichen auszeichnen: Geld (zumindest ein bisschen), eigene Gedanken, den Glauben daran und Geduld, Geduld und nochmals Geduld. Denn Schmerzensgeld muss jeder bezahlen. Sein Motto: “Erst die Schmerzen, dann das Geld”. Auf die Frage, worin denn nun das elementare Geheimnis der Börse besteht - was denn letztlich die Kurse bewege, entgegnet er: “Es sind nicht die tagtäglichen Meldungen selbst, die die Kurse machen, sondern das Ganze ist ein Phänomen der Massenpsychologie, eine Art Herdentrieb, dem sich selbst intelligente Zeitgenossen nicht entziehen können.” Abgesehen davon ist Kosto der Meinung, dass sich nirgendwo auf der Welt so viele Dummköpfe auf einen Quadratmeter tummeln, wie gerade an der Börse. Er zitiert dabei Isaac Newton, der ein leidenschaftlicher Börsenspieler war: “Ich kann die Bahn der Himmelskörper auf Zentimeter und Sekunden berechnen, aber nicht, wohin die verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann”. Auf meine Frage, was er denn von den sogenannten “Fallen Angels”, den ausgebombten Wertpapieren, wie beispielsweise den amerikanischen Sparkassen, halte, meint er: “Sehr Viel”. Immerhin habe er damit seinen größten Fischzug an der Börse gelandet. Damals nach dem Zweiten Weltkrieg habe er voll auf die Auslandsanleihen des zerstörten Deutschland gesetzt. Seine Spekulation: der Fleiss des deutschen Volkes und die staatsmännischen Fähigkeiten eines Konrad Adenauer. Der Rest ist Geschichte. Die von ihm 1947 an der Pariser Börse für 250 Franc erworbene Young-Anleihe französischer Tranche wurde Jahre später für sage und schreibe 35.000 Franc zurückbezahlt. Kosto zeichnet für die Börsenzukunft eine rosige Perspektive. Noch nie seit 1912 (Balkankrieg) sei die Welt so sicher gewesen - trotz Jugoslawien, trotz Hussein. Ein letztes sehr ermutigendes Zeichen: der haushohe Sieg Le Klerks in Südafrika. Viele für das Wettrüsten verpulverte Milliarden können nun in produktive Kanäle fliessen. Der Kommunismus ist tot. Der freien Marktwirtschaft gehört die Zukunft - auch in der GUS, auch in China. Und welche Börsenmärkte bevorzugt Kosto? Hände weg von Japan. In den USA ist er auf einen Rückschlag in der Grössenordnung von 5 bis 10 Prozent vorbereitet. Für die deutsche Börse ist er langfristig uneingeschränkt bullish eingestellt. Die Bundesrepublik wird ein neues Wirtschaftswunder erleben, da ist er sicher. Sein Rat: deutsche Qualitätsaktien kaufen, unters Kopfkissen (Depot) legen und viele Jahre darauf schlafen. Und dann? Nun ja, vielleicht vorzeitig in Rente gehen, wie er selbst, anno dazumal.

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