Mein Date mit Kostolany

Nicht nur den Börsianern ist der Name Andre’ Kostolany ein Begriff. Seines Zeichens Edelspekulant,

Ritter der französischen Ehrenlegion, Buchautor, Bestreiter unzähliger Vorträge und Autor der ältesten Kolumne von Capital und und und. Bei einem guten Glaserl Rotwein im Alten Markt am Viktualienmarkt gab mir Kosto die Gelegenheit zu einem Interview.

 A bisserl nervös war ich schon: Wie findet man den intellektuellen Zugang zu einem Mann seines Kalibers? Jetzt weiß ich es: Möglichst ohne großartigen Intellekt. So drehte Kosto den Interview-Spieß auch gleich um mit der Frage: “Haben Sie studiert”? Kleinlaut kam ein leises “Nein” über meine Lippen. Als mir prompt Kostos Rechte wie ein U-Boot-Torpedo entgegen schoss, garniert mit einem herzlichen “Gratuliere”, wären mir fast die Pupillen ins Weinglas gefallen.

Weitere Parallelen waren schnell gefunden: Kosto ist (wie teilweise ich) ungarischer Herkunft und (noch viel mehr wie ich) Ungar mit Herz und Seele, ein Patriot! Seinen Pass ziert allerdings das amerikanische Sternenbanner. Ja, von Uncle Sam hält er große Stücke: “Keiner kann ermessen, was Amerika für die Welt Positives bewirkt hat, an erster Stelle der Sieg über den Kommunismus”. Kosto ist mit einer Französin verheiratet: Francoise und 30 Lenze jünger. Seinen Hauptwohnsitz hat er in Paris, im 16ieme Arrondissement am Bois de Boulogne. Die Ferien genießt er in seinem Häuschen in Haut-Cagnes, einer Künstlerkolonie an der Cote d’ Azur.

Ansonsten ist er Stammgast in den Flughäfen rund um den Erdball, reist von Vortrag zu Vortrag. Nur die ach so geliebten Börsensäle (70 davon hat er im Laufe seines Lebens kennen gelernt) bekommen ihn nicht mehr zu sehen, Mit einem verschmitzten Augenzwinkern sagt er mir warum: “Ich geh nicht mehr in die Börse, sonst sieht mich womöglich der Herrgott und denkt: Was, der Kostolany ist immer noch auf dem “Parkett”, jetzt aber nichts wie rauf in den Himmel mit ihm”. Zum Tod hat der 89jährige Börsenpapst eine von einem tiefen katholischen Glauben geprägte Einstellung. Vielleicht rührt daher seine hin und wieder durchschimmernde Koketterie mit diesem immer näher rückenden Tod. Wehmut ist auch zu spüren: “Ich frage mich nur, was aus meinem Lebenswerk, meinen Büchern, meinen Platten, meinen unzähligen Souvenirs wird. Ich muss immer an meine Schwester denken. Nach ihrem Ableben (im Alter von 105 Jahren!) musste ich ihre herrlichen Kleider verschenken”.

“Einen Wunsch hätte ich für mein Begräbnis: das Requiem von Verdi”. Ja, die klassische Musik ist einer seiner ganz großen Lieben: “Ein Abend mit klassischer Musik gibt mir sicher mehr als jede 100 Prozent Spekulation.” Seine musische Bilanz kann sich wahrlich sehen lassen: "65 Mal habe ich mir Wagners Meistersinger reingezogen (der Autor hat nach wie vor Zweifel, die Zahl richtig verstanden zu haben), ich kenne 150 Opern und habe 49 Opernhäuser in aller Weit besucht”.

Angesprochen auf seine publizistische Angriffslust, die auch vor Denkmälern in Menschengestalt nicht halt macht, meinte Kosto: “Sehen Sie, das ist das Schöne am Geld, es macht frei und unabhängig: paradiesisch für einen Journalisten”. Besonders Ex-Bundesbankpräsident Schlesinger hat ob seines selbstherrlichen Zinsdiktats die geballte Wucht von Kosto´s Häme damals im Capital zu spüren bekommen: “Machtgierig und böse obendrein”. Gerade diebisch freut es ihn, dass Schlesinger-Vorgänger Pöhl sogar das Vorwort zu seinem letzten Bestseller übernommen hat und damit offensichtlich für Kosto´s Einschätzung Sympathie bekundet.

Da kommen die Sparkassen schon wesentlich besser weg: “Ich schätze sie mehr als alle anderen Bankengruppen. Zwar sind die Berater auch nicht besser beschlagen, aber es stecken keine Eigeninteressen dahinter, man wird objektiv beraten. Ich habe deshalb gerade in den Sparkassen, große und kleine, immer gerne Vorträge gehalten”.

Ich werde diesen Tag mit Andre´ Kostolany nie vergessen. Nach einem gemütlichen und lehrreichen Zusammensein im Alten Markt bei Wein und .... Linsensuppe führe ich den schon gebrechlichen Mann quer durch die Innenstadt zu seiner Hausbank. Na ja, leider keine Sparkasse. Auch Kostolany scheint angetan davon, heute einen Halb-Landsmann gefunden zu haben. Genau dies schreibt er mir als Widmung in sein Buch vom Wunderland der Börse: "Meinem Halb-Landsmann M.S". Drei Jahre nach unserem Treffen stirbt Andre´ Kostolany in Paris.