Für Johnny Maestro hörte die Musik niemals auf

 
 

 

 

Es gab mal eine Zeit, da war er die Gegenwart und nicht die Vergangenheit. Da klangen seine Worte frisch im Ohr, schlummerten nicht in irgendwelchen Datenbanken wie Sozialversicherungsnummern. 

Es war eine Zeit, wo Johnny Maestro ein großer Rock´n Roll Star war. Er fuhr in dicken Limousinen und die Mädchen kreischten. Ed Sullivan, der berühmte amerikanische Talkmaster, sprach seinen Namen falsch aus. Statt MY-stroh, sagte er MAY-stroh. Mit den Gruppen The Crests und später mit den Brooklyn Bridge sang er goldene Schallplatten ein und bekam Schreibkrämpfe beim Autogramme schreiben. 

Mit den goldenen Schallplatten ist schon seit 20 Jahren Schluss. Aber Wünsche nach Autogrammen gibt es nach wie vor. „Für mich hat die Musik nie aufgehört“, sagt Mister Maestro, dessen richtiger Name eigentlich Mastrangelo ist. Heute lebt er in Bay Shore. Die erste Goldene Schallplatte gab es 1958. 

Seit 37 Jahren bestreitet Johnny Maestro sein Leben als Rockn Roll Sänger. Gekleidet in karierten Sakkos, in Nehrujacken oder gar keiner Jacke singt er seine Songs aus seiner Jugendzeit. Auch wenn die zur Bühnenrampe drängenden Damen keine Teenager mehr sind, sondern Mütter und Großmütter. Frauen wie die 53-jährige Anne Cunningham aus Valley Stream. Sie war 17 als sie einen wilden Tanz hinlegte, während eines Auftritts von Johnny Maestro and The Brooklyn Bridge im Great American Cafe in Valley Stream. 

„Ich wuchs mit seiner Musik auf als ich noch zur High School ging“, sagt Mrs. Cunningham. „Ich liebe seine Stimme.“  

Es ist die Stimme von Mr. Maestro. Immer noch sehr stark und mit diesem gewissen Etwas, das die Massen anzieht. „Wir wollten ihn als Leadsänger, weil er im weiten Umkreis der beste Sänger war,“ sagt Fred Ferrara,51, aus Holbrook. Ferrara war  vorher bei den Del Satins und dann ein Gründungsmitglied der Brooklyn Bridge. 

Als  55-jähriger Großvater bringt Maestro Frauen noch immer an den Rand der Ohnmacht, wenn er „16 Candles“ anstimmt. 

„Er sang an meinem 16. Geburtstag,“ erzählt seine Frau Grace. Sie meint damit die Schallplatte, nicht den Mann. Aber der Mann hört sich genauso an wie vor 36 Jahren, als er „Candles“ aufnahm. Seine erste goldene Schallplatte. 

Es kommt darauf an, auf die Stimme gut aufzupassen. „Du musst vorsichtig sein,“ sagt er. „Ich rauche und ich drinke nicht. Du kannst deine Stimme nicht kaputt machen. Viele andere Sänger haben das gemacht. 

Es ist schwer zu sagen, wann Mr. Maestro „The Worst That Could Happen“ herausgebracht hat. Den größten Hit der Brooklyn Bridge. Als er den Song auf einem Konzert in Valley Stream sang, stimmten Fans wie Bob Reichert vom Ozone Park und der Repubklikaner David Levy in den Gesang ein. „David würde nie tanzen, außer bei Johnny Maestro,“ sagt Levy´s Frau. „Er ist meine Art von Rockn Roll“, fügt Mr. Levy hinzu. 

Bei Mr. Reichert ist es genau so. „Er hat ein hohes Ansehen bei uns,“ bekräftigt er.

„ Ich sehe ihn lieber als die Beatles,“ ergänzt Reicherts Frau Linda.

Wo man Mr. Maestro und die Brooklyn Bridge im Madison Square Garden oder in der Mount Airy Lodge in Poconos sehen kann. Einmal singen sie a capella auf der Musikmesse in Westbury, in der Meadowlands Arena oder in einem Stadtpark.  

„Wir haben 120 bis 130 Auftritte im Jahr“, sagt Les Cauchi, ein Mitglied der Gruppe. „Wir spielen vor 150 oder vor 18.000 Leuten.“ 

„Du bist Dir die meiste Zeit gar nicht bewusst, wo du gerade bist,“ sagt Mr. Maestro. „Ich steige in den Bus. Der Bus hält. Ich steige aus und singe.“ 

In der Dusche fing er nicht an zu singen. „Wir hatten keine Dusche,“sagt er, als er sich an seine Jugend in der Lower East Side erinnert. Mr. Maestro war ein Kind der 50er. Den Abschluss an der High School machte er 1957. 

Er ist ein kleiner Mann und bekannt für seine große Narbe an der Lippe. „Sie würden die Geschichten nicht glauben, die über diese Narbe kursieren,“ erzählt seine Frau. „Das war die Mafia oder irgendein Messerkampf in seiner Jugend.“ Die Wahrheit, sagt Mr. Maestro, ist, dass ich mich einfach nicht mehr erinnere. Meine Mutter sagt, ich war 2 oder 3 Jahre alt, als ich sie bekam. Ich hatte mit einer Milchflasche gespielt und mich geschnitten.“. Die Narbe ließ ihn als harten Burschen erscheinen in diesen frühen Jahren in Manhattan. Vielleicht diente sie auch als Schutzschild für seine Schüchternheit und kleine Größe. Obwohl die Größe für ihn nie ein Problem war, wie er sagt. „Ich bin größer als Frankie Valli von den Four Seasons,“ sagt er. „Er schaut zu mir auf.“ 

Als Teenager hörte Mr. Maestro am liebsten Radio und stimmte in die Gesänge von Johnny Ray und Frankie Laine ein. „Ich sang Mule Train, Und ich sang im Badezimmer wegen der Akustik.“ 

Als der Rock´n Roll aufkam, wurde er Mitglied in einer Gruppe aus der Nachbarschaft. Sie nannten sich The Crests. Mr. Maestro kann sich nicht mehr erinnern, warum. Und er machte sich auch keine Gedanken darüber, dass die Crests aus Weißen und Schwarzen bestanden.

„Da waren drei Schwarze, einer aus Puerto Rico und ich war der Italiener.“ So war das an der Lower Eastside. Und er lernte, dass dies im Süden keineswegs so war, als sie später dort hinreisten. 

Aber erst mussten Sie entdeckt werden. „Wir traten auf lokalen Parties auf,“ sagt er, „oder auf Tanzveranstaltungen. Wir wurden nie bezahlt. Wir wollten einfach nur gehört werden. Hauptsächlich hörten wir Alan Freed, der R und B Gruppen spielte, wie die Flamingos oder die Harptones. Wir sangen die Titel anderer Gruppen nach.“ „In den Subways übten wir, wegen der guten Akustik. Eines Tages gab uns jemand seine Visitenkarte. Er hieß Al Browne und hatte schon einen Hit – The Madison. Er verhalf uns zu einem Plattenvertrag. Das hieß: „wir konnten eine Platte produzieren. Von Bezahlung war jedoch keine Rede.“ 

„Die Crests haben nie Geld verdient. Mit keiner Schallplatte. Ich bekam einen Scheck über 17 Dollar. Für „16 Candles“ auf der B-Seite.“ 

Auf der B Seite ihrer ersten Schallplatte wurde ein Song namens „My Juanita“ veröffentlicht. Er schaffte es immerhin in die städtischen R & B Charts. Nachdem wir zu Coed Records gewechselt waren, machten wir eine zweite Schallplatte. „Wir nahmen den Song „Beside You“ auf. Die B-Seite war 16 Candles. Wer kann das schon wissen. 

Mr. Freed wusste es. Er spielte die richtige Seite, sagt Mr. Maestro. Es war 1958 und bald hatten die Crests einen Hit. „Wir traten in den Dick Clark Shows auf,“ sagt Mr. Maestro. „Wir bekamen das entsprechende Outfit verpasst, Sakkos mit Crests. Wir übten Tanzschritte. Obwohl meine Tanzschritte nie berauschend waren. „Ich kann nicht wirklich tanzen,“ räumt Maestro ein.  

Die Crests hatten 7 Hits, darunter „The Angels Listened In“, „Trouble In Paradise“ und „Step By Step“. Am Anfang hatten wire in Mädchen in der Gruppel – Pat Vandross. „Sie war die ältere Schwester von Luther Vandross.. „Er wollte uns immer ausspionieren. Wir versuchten ihn loszuwerden.“ 

„Der Ruhm kam so schnell für uns, dass wir es kaum verstanden. Und wir waren die ganze Zeit auf Achse.“ Im Jahr 1961 trennte sich die Gruppe. „Niemand wusste, was man mit uns anstellen sollte,“ sagt Maestro. „Wir waren eine gemischtrassige Gruppe und konnten nicht zusammen im TV auftreten.“

Das war auch die Zeit, als wir in Little Rock, Arkansas, auftraten. Das Publikum war abgetrennt. Schwarze auf der einen, Weiße auf der anderen Seite. Und sie trennten uns sogar auf der Bühne. Mich auf der einen und anderen Gruppenmitglieder auf der anderen Seite.“

Als wir nach Baltimore kamen, merkten wir das erste Mal, dass etwas anderes war. Wir gingen zusammen in ein Restaurant, setzten uns. Keiner kümmerte sich um uns. Als wir die Bedienung zur Rede stellten, antwortete diese: „Wir bedienen keine Schwarze.“

Mr. Maestro pflegte in einem anderen Hotel zu schlafen, als seine Musikerkollegen. „Ich konnte es einfach nicht glauben,“ sagt Maestro. „Und ich konnte nichts dagegen machen.“ 

In einem dieser Hotels lernte Maestro Johnny Farina von dem Duo Santo & Johnny kennen. Die hatten gerade einen Hit mit dem Instrumental Sleep Walk. Mr. Farina, der in East Islip lebt, wurde Mr. Maestros bester Freund. 

Nachdem sich die Crests getrennt hatten, trat Mr. Maestro zunächst mit einer Lounge-Gruppe auf. 1966 fragten ihn die Del Satins, ob er ihr Leadsänger werden wolle. Die Del Satins waren für Dion die Background Gruppe gewesen, nachdem sich Dion von den Belmonts getrennt hatte. Sie nahmen mit Dion Runaround Sue und The Wanderer auf. 

Ein Jahr darauf entschied sich Mr. Maestro, noch einige Instrumental Musiker in die Gruppe aufzunehmen. Das Ensemble nannte sich Johnny Maestro, The Del Satins und The Rhythm Method. Der Name war jedoch nicht das Gelbe vom Ei. „So entschieden wir uns für einen neuen Namen,“ erzählt Maestro. „Wir saßen also zusammen an einem Tisch und irgendjemand sagte: „Das wird schwierig, wir sind 11 Leute. Das ist schwer zu verkaufen. Da ist es noch einfacher die Brooklyn Bridge zu verkaufen.“ Wir antworteten: Ja genau, das ist unser neue Name!“

Und so war die Gruppe Brooklyn Bridge geboren, ohne dass einer überhaupt aus Brooklyn kam. Sie machten Discomusik, bis sie einmal Wes Farrell, der Manager der Partridge Family und der Cowsills sah. Farrell sagte nur: „Das ist meine neue Gruppe.“ Mr. Maestro erinnert sich: „Wir waren für ihn eine Herausforderung. Er brachte uns bei Buddha Records unter und versuchte unseren Musikstil zu ändern. Er ließ uns „The Little Red Boat By The River“ singen.” 

Mr. Maestro wählte einen Song der Fifth Demension aus. Er hieß „The Worst That Could Happen“. Ich mochte die Fifth Dimension, sagt Maestro, “Wir nahmen den Song und versahen ihn mit einem neuen Arrangement. Er wurde Johnny Maestros größter Hit.

„Wir traten damit bei Ed Sullivan auf,“ erinnert sich Maestro. „Er nannte uns die Brooklyn Bridge Combo.“ In den Jahren 1968 und 1969 war die Bridge richtig angesagt. Der Song blieb an der Spitze der Charts. Danach folgten die Songs „Welcome My Love“ und „You´ll Never Walk Alone.“ 

“1970 gingen die Plattenverkäufe zurück. Es war das Ende der Gegenwart und der Beginn der Vergangenheit. Mr. Maestro trat nun beispielsweise auf Hochzeiten auf. Und er zog von Staten Island nach Long Island um. Er hat drei Kinder – Brad, Tracy und Lisa. 

Auf einem seiner Auftritte auf einer Hochzeit lernte er seine zweite Frau Grace kennen. Eine Bedienung. „Ich mochte seinen Stil, sagt Frau Mastrangelo. „Er war so zurückhaltend und extrem konservativ. Er ist so ganz anders, als auf der Bühne. Er sagt nicht viel zu Hause.“ 

Ihre Eltern, Tony und Louse DeMarzo waren begeistert, dass sie einen Sänger heiratete, den sie früher immer im Radio gehört hatten. „Ich kannte alle seine Songs,“ sagt Mr. DeMarzo. „Ich war ein Polizist in Rente, Alle Cops liebten Johnny. Ich wurde berühmt als der Schwiegervater von Johnny Maestro. Johnny ist der Perry Como des Rock´n Roll.“ 

Mit der aufkommenden Nostalgiewelle, waren die Brooklyn Bridge wieder gefragt. „Ohne Johnny hätten wir nicht das notwendige Format gehabt,“ sagt Martin D´Amico, der seit 1975 Mitglied der Bridge war. Vorher war er bei einer Gruppe namens Midtown Tunnel. 

Von seinem zweistöckigen Haus nahe der South Shore Mall war Mr. Maestro an der ganzen Ostküste unterwegs. Es war ein ständiges Hallo und Auf Wiedersehen mit seiner Frau, seinen Kindern, und den Kindern seiner Frau und den Hund Shikira. 

Wenn er mal zu Hause ist, hält er sich meist in einem zum Studio umfunktionierten Keller auf. Nicht viele Menschen in Bay Shore wissen, welche Berühmtheit sie in ihrer Mitte haben. „Aber der Briefträger ist schwer beeindruckt,“ sagt Mr. Maestro. 

Die Bewohner von Valley Stream sind sicher auch von ihm beeindruckt. Kürzlich gab er dort zwei Konzerte. „Er ist der Beste,“ sagt Danny Lehner, ein Geschäftsmann aus Valley, der beide Konzerte gebucht hat. „Die meisten Leute hier haben das Alter von Johnny. Sie haben ihn in ihrer Jugend im Radio gehört. Auf der Bühne hatte Meaestro ein schwarzes Outfit. „Sonntag hatten wir kräftig geschlemmt,“ erklärt er, „und schwarz lässt Dich schlanker aussehen.“ 

Als die Gruppe ihre Oldies but Goodies anstimmt, sind sie umringt von Herrschaften im mittleren Alter. Fans wie Bobby Dignon,49, aus Floral Park, und Joanne McCue,45, aus Baldwin, tanzen den Bop, den Stomp, den Stroll, den Swim und den Pony. „Wir sind auch nach Woodstock gegangen,“ sagt Ms. McCue. 

Als die Gruppe a capella Doowop singt, gibt es Standing Ovations. Und als die langsamen Songs erklingen, schließen die Fans ihre Augen und kehren in ihre Jugend zurück. Mit offenen Augen erlebt Mr. Maestro dies mit. Wann wird das alles aufhören? Johnny Maestro sang Rockn Roll in seinen 60ies und 70ies. Wenn er daruf zurückblickt – „Es ist nicht das Schlimmste was passieren konnte „(It´s Not The Worst That Could Happen).   

by Diane Ketcha (erschienen in der New York Times, July 17, 1994), übersetzt von Manfred Szarka

Nachtrag: 

The Worst That Could Happen, Das Schlimmste was passieren konnte, ist am  24. März 2010 geschehen. Johnny Maestro ist an einem Krebsleiden gestorben. Seine Fans werden ihn nie vergessen und seine großartige Stimme wird in seinen Songs sowieso immer lebendig bleiben.

 

 

 

Hier noch ein Statement von Dion vom 2. Mai 2010, Dion war ein guter Freund von Johnny Maestro