Münchens dunkle Stunde  
  Hans Kurzmann erzählt

 

 
 

 

 
 

Im Rahmen meiner Recherchen für eine CD zur Stadtgeschichte Münchens  sprach ich Ende der 90er Jahre mit einem bemerkenswerten, damals längst im Ruhestand weilenden Sparkassenbeamten – Hans Kurzmann. Er schilderte mir eine Episode aus seiner Münchner Jugend unter der Naziherrschaft. Und überreichte mir anschließend eine Aufzeichnung mit der Bitte, diese unbedingt auf der CD zu veröffentlichen. Leider konnte ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. Es ist mir heute ein besonderes Anliegen, dies nachzuholen. Hier ist die Aufzeichnung von Hans Kurzmann im Originalwortlaut: 

Doch dann kam der Tag, der alles veränderte. Adolf Hitler und seine Nationalsozialisten übernahmen die Macht in Deutschland. Ein Bild sehe ich noch immer deutlich vor mir: ein großer Platz voll jubelnder, begeisterter Menschen, im leichten Wind flatternde Fahnen mit Hakenkreuzen und eine aus vielen Lautsprechern dröhnende, immer wieder von Beifall unterbrochene Stimme:..“gleiche Rechte für alle….Brot für alle….Arbeit für alle…“

Als ich dann nachts im Bett liege, kommt es mir vor, als hätte ich das alles nur geträumt. Aber es ist kein Traum. Im Gegenteil, meine Wunschträume sind Wirklichkeit geworden. Natürlich hatte die Zeit auch ihre Schattenseiten. Es gab Parteibonzen, die arrogant und überheblich auftraten, worüber ich mich sehr ärgerte. Viel stärker betroffen war ich, als ich hörte, dass jüdische Geschäfte geplündert oder Juden verprügelt worden waren. So hatte ich mir die Lösung der Judenfrage nicht vorgestellt. Manche Leute sagten dann: „…wenn der Führer das wüsste…“. Als ich dann hörte, dass bei Dachau ein Lager errichtet worden war, in das man missliebige Leute eingesperrt und zur Zwangsarbeit verdammt hatte, da ließ es mir keine Ruhe mehr. Da wollte ich es genau wissen. Zusammen mit einem guten Freund fuhr ich mit dem Rad nach Dachau. Wir radelten, nur ein paar Meter vom Lagerzaun entfernt, um das ganze KZ herum. Langsam und gemütlich. Auf den Wachtürmen befanden sich uniformierte Posten mit Karabiner. Schließlich erblickten wir im Lager einen großen freien Platz, auf den sich von beiden Seiten Menschen zu bewegten. Aber was für Gestalten waren das. Mühsam, mit gesenkten Köpfen schleppten sie sich dahin, wie wenn sie Steine an den Füßen hätten. Ich musste unwillkürlich an die Oper Fidelio denken, wie da die Gefangenen aus ihren Zellen heraus auf den Gefängnishof zuströmten. Aber dass hier, im Gegensatz zur Oper, alles lautlos vor sich ging, erhöhte noch das Gespenstische und Erschreckende der Szene. Wir sahen, wie sich der in unserer Nähe befindliche Wachtposten plötzlich zu uns umdrehte. Ohne seine Reaktion abzuwarten, änderten wir sofort unseren Kurs und radelten in den dichten Wald hinein. Als ich dann kurz nach dieser Tatortbesichtigung von den Folterungen und Hinrichtungen erfuhr, war mir klar: das sind keine Außenseiter mit Extratouren. Vielmehr fügte sich alles zusammen zu einem einheitlichen Ganzen, wie die Steinchen eines Mosaiks. Was uns so verlockend angepriesen wurde, das war kein Weg in eine leuchtende Zukunft. Das war ein brutaler, gewalttätiger Weg in die barbarischen Anfänge der Menschheit.

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