Am Tag als Dalida starb

 

 

Dalida wurde als Yolanda Christina Gigliotti am 17. Januar 1933 in Kairo als Tochter italienischer Eltern geboren. !954 wählt man die wunderschöne Yolanda zur Miss Ägypten. Der Start einer Weltkarriere mit 150 Millionen verkauften Schallplatten. Dalidas Leben ist trotz des großen Erfolges von Schicksalsschlägen gekennzeichnet. Die nachfolgenden Zeilen -entlehnt aus einer bemerkenswerten Biography von David Lelay - zeichnet ihren letzten Tag auf.

 

Schon seit Monaten sind die Rollläden in ihrem Schloss aus weißen Steinen heruntergezogen. Und an diesem Abend zieht sie die letzte Zugbrücke zu ihrem Leben hoch. Keine Besucher mehr, die sie vielleicht noch aus der Einsamkeit, diesem unwiderstehlichen Ruf des Nichts entreißen könnten. An diesem Samstag, den 2. Mai 1987, wird niemand mehr die Schwelle ihres Hauses übertreten, oder sie bei ihren Riten unterbrechen, denen sie sich die nächsten Stunden widmet. Sie hat so entschieden. In ihrem Haus, am Hügel des Montmartre gelegen. Seit 25 Jahren ist sie es gewohnt Paris von hier oben aus erwachen zu sehen. Dieses Paris, das aus ihr eine Königin gemacht hat. Aber die Terrassen und Balkone von Dalidas Elfenbeinturm vermitteln nicht mehr den Wunsch, den Blick auf die Welt unten schweifen zu lassen. Dalida hat sich schon ganz in sich selbst zurückgezogen. Auf den untersten Grund ihrer leidenden Seele. Es ist ruhig an diesem Samstag Der Frühling tut sich noch schwer unter dem hartnäckigen kalten Nebel, der über der Stadt liegt. Seit gestern kann Dalida nur noch an eines denken. Den Telefonanruf von Francois. Francois ist der Strang, der sie noch ans Leben fesselt. Ihre Liebe. Ihre letzte Liebe. Zusammen mit ihm und ihren treuen Impresario Roland Ribet wäre heute Abend ein Theaterbesuch im Mogador angesagt gewesen. Ein Cabaret von Jerome Savary. Aber dann dieser Telefonanruf. Gestern am 1. Mai. Mit kurzen, unpersönlichen Worten annulliert Francois den Abend. Für die liebende Dalida ist das eine Träne zuviel in einem schon übervollen Glas.

Jetzt ist es Samstag. Am Morgen. Früher als gewöhnlich verlässt sie ihr Schlafzimmer, greift zum Telefon. Sagt den Theaterbesuch auch bei ihrem Impresario ab. Den wahren Grund nennt sie nicht. Sie spricht von den Shows, die sie erst vor zwei Tagen in der Türkei absolviert hatte. Von einer großen Müdigkeit. Und von einem Fototermin, der für morgen, Sonntag, anberaumt ist. Sie will jeden Verdacht zerstreuen. Dann ruft sie sogar noch ihren guten Freund Graziano an, einen Restaurantbesitzer in der Nähe. Sie spricht davon, nach Rungis zu fahren. Am Montag. Um Blumen zu kaufen für die Terrasse. Um den Frühling gebührend willkommen zu heißen. Nachmittags um Vier empfängt sie den Journalisten und Freund Denis Toranto und den Fotografen Emanuel Auger. Es geht um den für den nächsten Tag geplanten Fototermin. Sie empfängt Denis im rosa Bademantel, barfuss und ungeschminkt. Man regelt letzte Details, wählt die Kleider aus und verabschiedet sich.

Allmählich verflüchtigen sich die Akteure des Tages. Einer nach dem anderen. Abends um Sieben ruft noch ihr Bruder Orlando an. Dann schickt sie ihr Personal nach Hause. Sie benötigt keine Dienste mehr. Nie mehr, denkt sie sich. Nur Jaqueline ist noch da, ihr Mädchen für alles, ihre Freundin. Aber auch sie muss weg. Ein Abendessen mit Freunden. „Warte nicht auf meine Rückkehr vom Theater, Geh Schlafen“, sagt Dalida zu ihr. Die weiß nicht, dass Dalida schon längst alles annulliert hat. Dann fügt sie noch hinzu, dass sie morgen nicht vor Sieben geweckt werden will. Unter den Augen von Jaqueline setzt sich Dalida an das Steuer ihres Austin und fährt los. Angeblich Richtung Theater Mogador. Aber wenige Minuten später ist der Austin wieder zurück. Jaqueline hat das Haus inzwischen verlassen. Dalida wirft noch einen Brief in den Briefkasten, bevor sie ihr Domizil durch einen Hintereingang wieder betritt –Der Brief ist an Francois gerichtet. In ihrer Küche mit den orangefarbenen Möbeln schließt sie ihren erst vor drei Wochen adoptierten Pudel Rajah ein. Ihr Blick streicht noch einmal zärtlich über das so geschmackvoll, im orientalischen Stil eingerichtete Wohnzimmer. Die Schatten der Dämmerung legen sich auf die zahlreichen Spiegel, auf die Metallskulpturen von Richard. Richard war der letzte Mann, der in diesem Haus gewohnt hatte.. Das letzte Mal schreitet sie über die dicken, schokoladenfarbigen Teppiche. Sie flüchtet vor den Bildern, die sie in ihrer Glanzzeit präsentieren. Noch ein großes Glas Whisky schenkt sie sich ein. Dann geht sie nach oben. Ins Boudoir. Zu ihrem Arzneischrank. Dort ist ihr Kriegsschatz aufbewahrt. Vier Packungen Schlaftabletten, 120 Stück. Sie setzt sich an den Spiegel. Kämmt ihre großartige Haarpracht, kleidet sich in einen Pyjama aus weißer Seide.

Auf ein Blatt Papier schreibt sie: Verzeiht mir, das Leben ist mir unerträglich geworden“. Sie legt das Blatt auf einen Beistelltisch. Langsam, mit sicherer Hand, ohne jede Träne, schon den Blick auf eine neue Freiheit gerichtet, schluckt sie die in Whisky ertränkten Tabletten. Sie weiß sehr gut, dass die Wirkung der Tabletten durch den Whisky vervielfacht wird. Sie richtet die Kissen auf dem Bett, die sie in den großen Schlaf tragen werden. Normalerweise kann sie ohne das Licht ihrer kleinen Nachtischlampe nicht einschlafen. Aber nicht heute. Endlich Nacht! Im Laufe langer, unendlich scheinender Minuten taucht sie ein in die Welt der Schatten. Die Gesichter der Menschen ihres Lebens vermischen sich. Die Schreie ihres manchmal zu gewalttätigen Vaters, und da ist der leblose Körper von Luigi Tenco. Die Sonne Ägytens, Choubra, ihr Heimatdorf im Land der Pyramiden. In dieser Stunde in diesem Steinhaus am Montmartre, in dem schon die berühmte Celine das Buch Reise zum Ende der Nacht schrieb. In dieser Stunde geht Dalida noch einmal zurück zu dem Mädchen Yolanda, diesem Kind aus Choubra, das, wie Gott, in sechs Tagen die Welt schaffen musste und sich am siebten Tag für immer zur Ruhe legt.

 

aus dem Französischen frei übersetzt von Manfred Szarka,

Die Biography von David Lelay ist unter nachfolgendem  Link bei Amazon zu haben. Ich kann sie nur empfehlen. Sehr gute Französischkenntnisse erforderlich.

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